HINTERGRUND

Ieva Lešinska-Geibere 

IEVA LEŠINSKA-GEIBERE, ALIAS EVELYN DORN, ist eine preisgekrönte Übersetzerin und eine Schlüsselfigur des literarischen Journalismus in Lettland. Sie hat in drei Ländern gelebt, verfügt über Abschlüsse in Französisch und Philosophie und beherrscht sechs Sprachen. Nachdem Ieva während des Kalten Krieges das Leben auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs erlebt hat, gewann sie einmalige Einblicke, die ihr helfen, sowohl als Übersetzerin als auch als Journalistin mühelos von einer Sprache und Kultur in die andere zu schlüpfen und diese zu verstehen. Ieva hat viele richtungsweisende englischsprachige Autoren ins Lettische übersetzt – unter anderem T.S. Eliot, Ezra Pound und Toni Morrison, sowie eine Vielzahl von lettischen Schriftstellern ins Englische übersetzt, darunter den lettischen Modernist Aleksandrs Čaks und den berühmten lebenden Dichter Kārlis Vērdiņš. Außerdem hat sie als Journalistin zahlreiche berühmte Persönlichkeiten interviewt – darunter – Harold Bloom, den Dalai Lama, Timothy Garton Ash, Noam Chomsky, Henry Kissinger und Timothy Snyder, um nur einige zu nennen. Ieva hat außerdem dazu beigetragen, das lettische Kino einem internationalen Publikum nahe zu bringen, indem sie Dokumentar- und Spielfilme ins Englische übersetzte. 2017 veröffentlichte sie eine Auswahl der Schriften ihres Vaters mit dem Titel Between Two Worlds. 

Imants Lesinkis 

Viele Jahre lang war IMANTS LEŠINSKIS, ALIAS PETER FRIEDRICH DORN, der perfekte Kommunist: intelligent, ehrgeizig und im Parteidogma zuhause. Als Komsomol-Führer (Jugendorganisation der KPdSU) und Eliteschüler erhielt er erstklassige Empfehlungen für ein Studium an der damals angesehensten sowjetischen Universität, dem Institut für Außenbeziehungen in Moskau, wo er zum Spezialisten für Völkerrecht und zum Diplomaten ausgebildet wurde. 1956, als Imants durch Begegnungen mit den Söhnen und Töchtern der sowjetischen Elite unter seinen Kommilitonen bereits seinen kommunistischen Glauben verloren hatte und von der sowjetischen Unterdrückung des ungarischen Aufstands geschockt, verunsichert wurde, warb ihn der KGB an und ließ ihm keine andere Wahl, als Agent zu werden. Ende 1958 kehrte Imants in Begleitung seiner Frau und seiner 6 Monate alten Tochter Ieva nach Moskau zurück, um sich als Spion ausbilden zu lassen. Die Familie sollte nach Ostdeutschland geschickt werden und schließlich unter einem Decknamen nach Westdeutschland einreisen. Obwohl dieser Plan nie verwirklicht wurde, machte Imants Karriere sowohl in den Reihen der Kommunistischen Partei als auch beim KGB. 

1960 wurde er als „Journalist“ nach Rom geschickt, wo die Olympischen Sommerspiele stattfanden. Seine Mission war es, mögliche Kollaborateure unter australischen Athleten lettischer Abstammung zu suchen. Stattdessen machte er sich heimlich auf den Weg zur amerikanischen Botschaft und bot den Amerikanern an, zu ihnen überzulaufen. Diese überredeten ihn jedoch, auch für sie als Agent zu arbeiten, während er seine hohe Position in Sowjetlettland beibehielt. Die nächsten 20 Jahre war Imants Lešinskis ein Doppelagent, der sowohl für den KGB als auch für die 7 

CIA arbeitete. 1976 erreichte Imant`s sowjetische Karriere ihren Höhepunkt: er wurde nach New York geschickt, um als Mitglied der Sowjetmission für die Vereinten Nationen zu arbeiten. Zwei Jahre später, als seine Tochter Ieva die Erlaubnis erhielt, ihn in New York zu besuchen, konnte er seine Doppelagentenkarriere durch sein Überlaufen zu den Amerikanern endgültig hinter sich lassen. Bis zu seinem frühen Tod im Jahr 1985 lebte er als eingebürgerter Amerikaner deutscher Abstammung mit dem Namen Peter Friedrich Dorn in den USA und promovierte dort zum Doktor der Geschichte. 

Aus Ievas Erinnerung

Irgendwann im Jahr 1979 erhielten mein Vater, seine Frau und Ich, als Angehörige übergelaufener Agenten eine Visitenkarte mit einem Namen und einer Telefonnummer, die wir immer bei uns tragen sollten. Sollte uns jemals etwas passieren, würde diese Person – ein Arzt, wie wir vermuteten – für unsere Rettung zuständig sein. Später fanden wir heraus, dass die einzige Aufgabe des „Doktors“ war, unsere Körper für den ofenen Sarg zu preparieren, wenn das Schlimmste bereits passiert war. Hat meine Stiefmutter Rasma nach dem Tod meines Vaters diese Nummer angerufen, damit der „Arzt die Sache übernehmen“ konnte? Ist das der Schlüssel zu dem Geheimnis, über das ich mir seit dem Anruf, der mich über den Tod meines Vaters informierte, den Kopf zerbreche? Am Telefon sagte sie, dass sie mir die Autopsieergebnisse zeigen werde, sobald das Krankenhaus sie freigibt, doch später änderte sie ihre Geschichte: Es gab überhaupt keine Autopsie. Doch ist eine Autopsie nicht ein Routineverfahren in einem Fall, in dem ein 54-jähriger Mann an einem öfentlichen Ort leblos zusammenbricht? Er hätte zweifellos darauf bestanden. So erwähnte er im Herbst 1978 immer wieder Georgi Markov, den bulgarischen Dissidenten, der für Radio Free Europe arbeitete und in seinen Sendungen immer den damaligen Diktator Todor Schiwkow lächerlich machte. Am 7. September, zwei Tage nach den Verhandlungen des Außenministeriums mit den Genossen Ponomarev und Počs, wartete Markov auf der Waterloo Bridge in London auf den Bus. Plötzlich spürte er einen stechenden Schmerz in seinem Oberschenkel und fuhr instinktiv herum. Ein Mann hinter ihm hatte seinen Regenschirm fallen lassen. Er entschuldigte sich bei Markov, nahm seinen Regenschirm und stieg in ein Taxi, das in der Nähe wartete. Markov wurde krank und starb vier Tage später. Bei der Autopsie wurde ein kleines Kügelchen in seinem Bein gefunden. Der KGB hatte das Kügelchen mit dem Git Ricin gefüllt, das sich schnell zersetzt, ohne verräterische chemische Spuren zu hinterlassen. Als ein anderer bulgarischer Emigrant, Vladimir Kostov, von Markovs Ermordung erfuhr, erinnerte er sich an einen Stich in den Rücken, den er erst kürzlich an einem öfentlichen Platz in Paris erfahren hatte. Er hatte Glück – die Chirurgen fanden ein ähnliches Stahlkügelchen in seinem Körper – aus irgendeinem Grund hatte sich das Git nicht ausgebreitet.